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Ein Plädoyer für eine Fusion von DCIG und DSB

August 4, 2015

Der DSB hat längere Zeit keine nennenswerten Erfolge auf politischer Ebene vorweisen können. Auch ist er zur Zeit mit sich selber beschäftigt und dies schon vier Jahre lang. Die Anzahl der Ortsvereine werden auch weniger geworden. Wie kann aber die Erbmasse des DSB auf Dauer gerettet werden? Ohne Partner wird es laufen können. Allen Beteiligten ist bewusst, dass der DSB die Entwicklung des CI’s unterschätzt hat – mit verhängnisvollen Konsequenzen. Eine Konsequenz war die Gründung der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft – DCIG.

Im Kern jedoch unterscheiden sich die Interessenlagen zwischen beiden Verbänden nicht nennenswert. Sie vertreten beide die Interessen der lautsprachlich orientierten Hörgeschädigten und haben miteinander wesentlich mehr Ähnlichkeiten als mit dem Deutschen Gehörlosen-Bund. Die Gebärdensprache wird auch vertreten, steht aber bei weitem nicht so weit im Mittelpunkt wie beim Deutschen Gehörlosen-Bund. Der Deutsche Gehörlosen-Bund thematisiert die Lebenswelt von lautsprachlich orientierten CI- und Hörgeräteträgern nur am Rande – in der Regel sieht er seine Interessenvertretung immer in Verbindung mit der Deutschen Gebärdensprache.

Nichtdestotrotz muss allen Beteiligten hier aber auch deutlich gemacht werden. Die Hörgeschädigten werden mit ihrem Handicap als Minderheit immer mit Defiziten in beruflicher Hinsicht, bei der Bildung und im Alltag zu kämpfen haben. Aus diesem Grund macht es schon weniger Sinn verschiedene Verbände zu haben. Die Ressourcen, die aufgewendet werden müssen, könnten in einem Verband sinnvoller genutzt und gebündelt werden als wenn sie sich in verschiedenen Verbänden zersplittern. Schon Napoleon sagte, wenn alles auf ein Ziel gerichtet wird, ist die Durchschlagskraft umso größer. Das gilt auch für die politische Verbandsarbeit. Je besser es uns gelingt mit einer Stimme zu sprechen – umso kräftiger ist das Gewicht.

Ich würde sehr dafür werben, dass der gebeutelte DSB mit der DCIG fusioniert. Das wäre eine Chance die Kräfte zu bündeln und die lautsprachlich orientierten Hörgeschädigten können sich politisch wieder Neu aufstellen. Ein Neuanfang tut dringend not. Die Interessen der Schwerhörigen wird uns keiner nehmen. Das müssen die Betroffenen selbst in die Hand nehmen. Ohne das wird es nicht laufen.

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Ein Phoniater, ein HNO-Arzt oder wo ist da der Unterschied

Januar 8, 2015

Wer kennt es nicht? Man geht als Hörgeschädigter zum Arzt und man möchte wissen, wo her seine Hörschädigung kommt? Da die Ursache nicht bekannt ist, bestimmte Krankheiten wie Gehirnhautentzündung oder Röteln fallen aus dem Rahmen. Gefragt wird man andauernd. Der HNO-Arzt sagt, sie müssen zum Phoniater gehen, gleiches sagt auch die Klinik. Man bemüht sich einen Termin beim Phoniater zu finden, endlich bekommt man ihn. Die Wartelisten sind lang. Dann bekommt er einen Termin bei der Phoniaterie vermittelt. Und man muss wieder warten. Kaum dort angekommen, erklärt der behandelnde Phoniater dem Hörgeschädigten, dass die Phoniaterie nicht HNO-Medizin ist. Ah so, jetzt muss er sich noch eine Lektion über Phoniaterie anhören. Ich dachte es geht um die Patienten? Was es alles so gibt: Audiotherapeuten, Logopäden, HNO-Arzte, Audiologen, Akustiker und auch noch PHONIATER. Alle versuchen ihre Disziplinen klarzustellen. Wir haben doch euch alle so lieb. Können sie sich selber nicht vernetzen? Sind wir Hörgeschädigte Kunde oder Bittsteller?

Naja, jedoch konnte der Phoniater selbst die Begriffe wie gehörlos und schwerhörig nicht filigran auseinanderhalten. Er hat sie per se medizinisch gesehen. Das ist auch sein Job. Klar, aber warum sollen wir als Patienten deren Berufsdisziplinen fein auseinanderhalten, wenn er die Lebenswelten von Hörgeschädigten im Groben und Ganzen selbst nicht einschätzen kann. Drei mal hoch – auf die Phoniater! Ich als einfacher schwerhöriger Bürger kann keine Auszeichnung verleihen – sorry, lieber Phoniater. Ihr seid so wichtig. Ich bitte um Verständnis, der Unterschied zwischen Phoniater und HNO-Arzt ist mir egal. Es gibt andere Dinge im Leben des hörgeschädigten Patienten – das LEBEN. Da hilft mir auch kein Phoniater.

PUBLIUS

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DSB Bundesversammlung – Bad Godesberg

August 1, 2014

Die Vorbereitungen für die nächste Bundesversammlung in Bonn Bad Godesberg vom Deutschen Schwerhörigenbund laufen an. Bedauerlicherweise werden am Tag vor der Bundesversammlung lediglich drei Workshops angeboten, die zeitlich nebeneinander stattfinden werden. Folgende Themen wird es geben:

– Vortrag mit Diskussion „Bundesleistungsgesetz“ – Gesetzl. Grundlagen und Auswirkungen für Hörbehinderte Menschen

– Workshop „Wie sieht bedarfsdeckende Teilhabe für Hörbehinderte aus?“ – Schriftdolmetscher-Ausbildung des DSB, Rechtsgrundlagen

– Workshop „Selbstbestimmte Lebensführung und Rechtsanspruch auf Teilhabe“ – Hilfsmittelversorgung für Hörbehinderte

Mit dem Bundesleistungsgesetz wird ein aktuelles politisches Thema angesprochen. Die Koalitionsparteien CDU/CSU und SPD haben sich im Koalitionsvertrag für die 18. Legislaturperiode darauf verständigt, die Menschen, die aufgrund einer wesentlichen Behinderung nur eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten haben, aus dem bisherigen „Fürsorgesystem“ herauszuführen und die Eingliederungshilfe zu einem modernen Teilhaberecht weiterzuentwickeln. Die Leistungen sollen sich am persönlichen Bedarf orientieren und in einem bundeseinheitlichen Verfahren personenbezogen ermittelt werden. Leistungen sollen nicht länger institutionszentriert, sondern personenzentriert bereit gestellt werden. Die Eingliederungshilfe soll reformiert werden und läuft unter dem Vokabular „Bundesleistungsgesetz“. Renate Welter wurde von der Deutschen Gesellschaft für Hörgeschädigte benannt, an der Bundesarbeitsgruppe Teilhabegesetz mitzuwirken. Man kann ihr nur viel Erfolg und Glück wünschen, dass die Mitwirkung von Frau Welter entsprechende Impulse für die hörgeschädigten Menschen geben wird. Was die konkrete Ausgestaltung der Gesetzgebung noch ergeben wird, bleibt abzuwarten. Wichtig ist, dass die die Betroffenen am gesetzgeberischen Verfahren im Vorfeld eingebunden werden und ihre Kenntnisse einbringen können. Das wird wohl der wichtigste Workshop sein, weil er auf ein aktuelles politisches Ereignis eingehen wird.

Mit den anderen beiden Workshops spricht der DSB eher ältere Themen an, zum einen um die Schriftdolmetscher bekannter zu machen. Da sie noch recht wenig in Anspruch genommen werden und immer noch hinter ihren potentiellem Anwendungsgebiet zurückliegen. Über die Ursachen kann man streiten. Das andere Thema befasst sich mit dem klassischen Thema der Hörgeräteversorgung. Es ist ein Dauerbrenner und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben. Hier sind aber mehr Impulse durch die Schwerhörigen gefragt. Alleine über die rechtliche Situation aufmerksam zu machen genügt nicht, wenn man hier Verbesserungen erreichen möchte. Da wird mehr zu tun sein. Wichtig ist immer wieder, dass man sich über politische Aktionen verständigen muss und sich immer wieder bewusst machen muss, dass dieses Thema nur von den Betroffenen aufgerollt werden kann. Es reicht nicht, nur über dieses Thema zu reden. Sondern es erfordert strategische Planung, agieren als Gruppe und Umsetzung der Aktionen. Sich auf die Frage zu beschränken, welche technischen Möglichkeiten es gibt und wie die Theorie und Praxis des Rechtsanspruchs im Rahmen des SGB V aussieht, reicht nicht. Das zeigt eher auf, dass hier gewisse Hilfslosigkeit und Ideenlosigkeit im Deutschen Schwerhörigenbund herrscht, wie man mit dem Thema konkret umgehen soll. Ein Bundesverband muss mit einer solchen Frage deutlich offensiver umgehen, wenn es wirklich auch Veränderungen im Sinne der Hörgeschädigten erreichen möchte. Sonst hat man eher den Eindruck, der DSB hat bei der Hörgeräteversorgung kapituliert.

Zur Bundesversammlung sind drei Anträge aus den Ortsvereinen eingereicht worden. Zwei Anträge beschäftigen sich mit Altlasten von Erbhinterlassenschaften und werden wenig zur Förderung der verbandsinternen Kultur beitragen. Ein sinnvoller Antrag kommt vom Schwerhörigenverein Berlin, der auf die Einbeziehung von externen Experten bei den Bundeskongressen und Bundesversammlungen abzielt. Ein Verband muss leben und sich immer wieder neu erfinden können. Der Deutsche Schwerhörigenbund muss sich immer wieder selbst reflektieren, wie und ob er als Verband wahrgenommen werden möchte? Im Grunde genommen ja, sonst würde er wenig für die Belange der lautsprachlich orientierten Hörgeschädigten auf sich aufmerksam machen können. Das ist aber notwendig, wenn er offensiv die Interessen der Schwerhörigen vertreten möchte. Dazu gehört es auch im Austausch mit externen Experten über neue Problemstellungen erörtern zu können und das geht nur im Austausch, in dem man mit anderen Akteuren ins Gespräch kommt. Es bleibt zu hoffen, dass der Antrag aus Berlin die entsprechende Mehrheit bei der Bundesversammlung finden wird.

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Was ist los in Berlin – warum sollen Adressen für hörgeschädigte Menschen gesammelt werden?

Dezember 9, 2013

Wer zur Zeit in Berlin ist, vor allem in dem Teil der Stadt zwischen Friedrichstraße und Hauptbahnhof, wird vielleicht eine Gruppe beobachtet haben, die darum bittet, dass sie ihren Namen auf eine Liste eintragen. Als Begründung zeigen sie auf ein gestreiftet Ohr – das Symbol für Schwerhörigkeit. Ich habe einfach probiert, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Es sind vier Frauen, die südländisch aussehen und mit Klemmbrettern, wo man den Namen eintragen kann, herumlaufen. Ein Mann ist im Hintergrund mit ihnen unterwegs.

Als ich versuchte mit einer Dame ins Gespräch zu kommen, zunächst mittels Gebärdensprache – merkte ich aber, dass man sich nicht mit ihnen unterhalten konnte oder sie wollten nicht. Sie schwiegen einfach. Da ist mir ein Mann aufgefallen, der im Hintergrund ist. Er hat sie einfach zurückgepfiffen. Mein Eindruck war, dass sie gehört haben muss. Auch wenn sie schweigen, können sie durchaus hörend sein. Wer sagt mir, dass sie gehörlos sind?

Mir konnte es nicht in den Sinn kommen, warum Schwerhörige oder Gehörlose herumlaufen und darum bitten, dass jemand die Adresse einträgt – einen wohltätigen Zweck konnte ich nicht erkennen. Die Frage war für mich, was haben sie mit den Adressen konkret vor? Wofür sammeln sie die? Da ich es heraus bekommen wollte und das zwei mal, liefen sie einfach aus dem Weg. Ich habe mich geweigert, meine Adresse ohne Grund einzutragen. Wer Ähnliches beobachtet hat, der möge doch die Erfahrungen an den Deutschen Gehörlosen-Bund oder an den Deutschen Schwerhörigenbund richten. Ich fürchte, dass das Gebaren, was da läuft, für uns keine positive Außendarstellung rüberbringen kann. Verbieten wird man es gewiss nicht können, aber vielleicht die Hintergründe dieser Aktion herausbekommen.

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Der Deutsche Schwerhörigenbund und seine neue Taskforce „Mitglieder gewinnen“

Dezember 7, 2013

Auf der letzten Mitgliederversammlung hat der Deutsche Schwerhörigenbund in Frankfurt eine Taskforce beschlossen. Seine Aufgabe soll sein, alte Ortsvereine, die ausgetreten sind, wieder für den Verband zurück zu gewinnen. Aber auch neue Mitglieder sollen für den Verband gewonnen werden.

Zunächst vorab, was heißt eigentlich der Begriff „Taskforce“? Er war ursprünglich eine militärische Bezeichnung aus dem 2. Weltkrieg bei der US-Navy. Eine Taskforce war eine schnelle Zusammenstellung aus unterschiedlichen Einheiten für eine bestimmte zeitlich begrenzte Aufgabe.

Also, der Deutsche Schwerhörigenbund hat eine Taskforce gebildet. Sie ist zeitlich begrenzt und hat eine bestimmte Aufgabe. Aus welchen Einheiten besteht er aber? Zunächst ist eine Person beauftragt worden, der aus dem Ortsverein Bensheim kommt und Referatsleiter für Tinnitus im Deutschen Schwerhörigenbund ist. Kann eine Ein-Mann-Truppe eine solche übergreifende verbandsoriginäre Aufgabe übernehmen? Was macht denn eigentlich der Präsident? Reichen Sonntagsreden aus, um für die Attraktivität einer Volkspartei der Schwerhörigen zu werben? Wohl kaum.

Eigentlich könnte man im Umkehrschluss schlussfolgern, wenn eine Mitgliederversammlung des Bundesverbandes beschließt, wir müssen eine Taskforce bilden, um für neue Mitglieder zu werben, zeigt das, dass ein begrenztes Vertrauen gegenüber dem Präsidium besteht, für die Schwerhörigen zu werben. Offenbar sind sie überfordert. Gab es nicht mal im Deutschen Schwerhörigenbund eine Zukunftswerkstatt?

Ja, sie gab es vor nicht allzulanger Zeit in Potsdam. Der trächtige Name „Zukunftswerkstatt“ sollte doch signalisieren, es geht um Visionen und um einen Aufbruch! Wer aber den Bundeskongress in Dresden erlebt hat, der wird ahnen können, dass der Name nicht anderes als eine Luftnummer war, obwohl viel Kraft und Zeit durch die Mitglieder investiert worden ist, dem Deutschen Schwerhörigenbund eine neue Identität zu geben. Gewiss, wer den Anspruch einer Volkspartei der Schwerhörigen erhebt, wird gewiss nicht den Anspruch einer Avantgarde erheben. Das ist Aufgabe von elitären Zirkeln. Aber, was sind wir eigentlich? Einfach zu tönen, wir sind die Vertretung von 12 Millionen Schwerhörigen in Deutschland ist zu wenig. Ein Verband muss leben. Schwerhörige müssen sich wohlfühlen können und sich in ihm wieder finden können. Offenbar fehlt diese Aura dem Verband.

Warum konnte die Zukunftswerkstatt nicht richtig zünden? Im Rückblick auf Dresden ist die Konklusion eine Logische. Wer neue Ideen hat, dem wird einfach die Aufgabe übergeben, ohne dass das Präsidium sich ernsthaft um das neue Anliegen kümmert. So lässt man einfach neue Köpfe verbrauchen, oder auch auflaufen. Hauptsache die eigene Position bleibt gewahrt. Wie auch immer, klug ist das für die Allgemeinheit und für die Sache der Schwerhörigen nicht. Eine Stimme der Schwerhörigen ist aber notwendig, um in übergeordneten Dachverbänden als notwendiges Korrektiv der Schwerhörigen gegenüber anderen Akteuren auftreten zu können. Nur die Schwerhörigen können mit ihrer Stimme für sich sprechen, aber sie muss auch erkämpft werden.

So ergibt es auch eine Erklärung, weshalb Vorstandsmitglieder oftmals darauf achten, ihre eigene Position nicht zu gefährden. Denn als Vorstandsmitglied bekommt man neue Möglichkeiten woanders aufzutreten. Dieser Prozess führt aber leicht dazu, dass man die eigene Basis aus den Augen verliert. Klare Sache, Ortsvereine treten aus, oftmals vorgeschoben mit finanziellen Argumenten dahinter stecken aber oftmals interne Zerwürfnisse. Die werden dann leicht unter den Teppich gekehrt. Wer möchte sich schon gerne streiten? Vergeben wird als Zeichen von Schwäche gedeutet, da bleibt man lieber in der rechthaberischen Position oder man sucht das Weite in die Freizeit, indem man alles hinwirft. Ist das eine Atmosphäre, die eine Streitkultur fördert, die ein Verein braucht, um sich wieder neu erfinden zu können? Das glaube ich nicht.

Tja, nun soll eine Taskforce angelehnt an die US-Navy als zeitlich begrenzte Aufgabe den Mitgliederschwund aufhalten. Kann man das als temporäre Aufgabe bezeichnen? Nein, vielmehr sollte die Taskforce nicht nur nach den entlaufenen Ortsvereinen schauen, sondern auch den Mut haben, auch dem Präsidium unvorbenommen zu sagen, was Sache ist, sowohl nach oben hin wie nach unten hin. Es wird deren Aufgabe sein, dem Deutschen Schwerhörigenbund eine Identität zu geben, aber nicht vorzugeben. Wer vorgibt wird schnell verlieren. Die Mitglieder müssen im Verband leben können. Man muss sich hinterfragen, was würde eine Volkspartei der Schwerhörigen ausmachen und wo kann der Deutsche Schwerhörigenbund sie erfüllen? Offenbar hat er den Trend verpasst, sich diese Frage zu stellen und ist auf der Suche nach Antworten. Neuanfang heißt aber auch Altlasten über Bord werfen.

PUBLIUS

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Der Ahnenkult der Gehörlosen

August 23, 2013

Wer längere Zeit in Afrika gewesen ist und bei Einheimischen untergebracht war, wird sicherlich einen bestimmten Kult erlebt haben. Hiermit meine ich nicht den Maghreb, sondern den Teil von Afrika südlich des  Maghreb oder nördlich von Südafrika. Gewiss Afrika ist groß, aber dort gibt es einen Kult, der sich darin ausdrückt, wer seine Ahnen nicht ehrt, muss sich vor der Zukunft fürchten. Die Gehörlosen scheinen einen ähnlichen Kult zu pflegen. Wer in seinem Ahnenkreis mehrere gehörlose Verwandte vorzuzeigen hat, der ist was. Es spielt eine große Rolle, inwievielter Generation man ist, desto weiter sie zurückreicht, desto mehr gehört man dem inneren Zirkel an. Die Pflege der Sprache steht hierfür stellvertretend, nur wer in einem Kreis aufgewachsen ist, in der über sie mehrere Generationen hinweg die Gebärdensprache nutzen, ist sich dieser Sprache mächtig. Also, wer zum privilegierten Kreis gehört, in der die Familie rückwirkend über mehrere Generationen hinweg über gehörlose Verwandte verfügt, gehört unausgesprochen dem Adel der Gehörlosen an. Es ist das Merkmal der Identifikation von Gehörlosen, der sich ähnlich mit dem Ahnenkult aus Afrika beschreiben lässt.

Die Sache hat aber einen Haken. 80 Prozent der Nachkommen von gehörlosen Eltern sind hörend. Die meisten hochgradig Hörgeschädigten und Gehörlosen kommen wiederum aus einem hörenden Elternhaus. Wie soll der Ahnenkult ohne Diskriminierung funktionieren? Wenn bestimmte Gehörlose für sich mit Stolz beanspruchen, ich komme aus einer Familie, die schon in der dritten Generation gehörlos ist. Der Ahnenkult mag für viele ein wichtiges Identifikationsmerkmal sein, aber er verkennt, dass es noch andere Hörgeschädigte gibt, die auch einer entsprechenden Förderung bedürfen. Wollen wir das Adelsgeschlechter unter Gehörlosen oder hochgradig Hörgeschädigten etabliert werden? Ich meine, dass dieser Weg nicht der richtige ist, denn auf Dauer führt er zur Diskriminierung der Mehrheit der Hörgeschädigten und letztendlich zur Emanzipation vieler Hörgeschädigten gegenüber den selbsternannten Royalisten. Wer diesen Kult pflegt, muss wissen, dass er den Hörgeschädigten und Gehörlosen unbewusst auf Dauer einen Klassenkampf aufbürdet. Den können alle gewiss nur verlieren, letztendlich aber obliegt es den Royalisten, inwieweit sie sich dazu durchringen können, ihren Ahnenkult offen auszuüben, wenn er aber als Indentifikation im Kontext der Generationen als Unterscheidungsmerkmal genutzt wird, wird die Mehrheit der Hörgeschädigten sich mit dieser Welt auf Dauer schwerlich identifizieren können. Die hörende Welt wird den Hörgeschädigten wieder mal ein Schnippchen schlagen können.

Toleranz sieht anders aus. Der Ahnenkult und das zelebrieren der ewigen Diaspora der Gehörlosen führt nicht automatisch zu mehr Offenheit innerhalb der gehörlosen und hörgeschädigten Szene. In der Sache mag der Ahnenkult verständlich sein, es wird aber leicht übersehen, dass er auch Ausgrenzung bedeuten kann. Nicht alle Hörgeschädigten können mit diesem Ahnenkult aus nachvollziehbaren Gründen etwas anfangen. Wer akzeptiert schon eine von Gott gegebene Ordnung der sich nach der Erbfolge definiert? Langfristig bedeutet es ein Aufbegehren gegenüber den monarchistisch definierten Maximen der Erbfolge, nach dem Motto, wer seine Ahnen am längsten zurückverfolgen kann, dem gehört die Krone. Das kann gar nicht gut gehen. Früher oder später werden die Royalisten ohnehin in die Röhre gucken müssen. Da der Prozess der Emanzipation längst begonnen hat.

PUBLIUS

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Die Seidler-AG

Juli 3, 2013

Wer den Deutschen Schwerhörigenbund e.V. verstehen will, der wird um die Person des Herrn Dr. Harald Seidler nicht umhinkommen. Er ist seit längerem Präsident im Deutschen Schwerhörigenbund und hat mittlerweile eine Amtsdauer hingelegt, die kohlische Dimensionen angenommen hat. Er sitzt schon längere Zeit auf dem Königsstuhl des Verbandes. In seiner Amtszeit haben wichtige politische Umwälzungen stattgefunden. 2001 wurde das Sozialgesetzbuch IX neu novelliert, welches die Belange der Menschen mit Behinderungen im deutschen Reha System neu geregelt hat. Im Rahmen dessen sind neue Rechte geschaffen worden, die im Umgang mit behinderten Menschen weitere Perspektiven eröffnet hat, wie z.B. die Arbeitsassistenz, das Persönliche Budget etc. Im Jahr darauf erfolgte die Kommunikationshilfenverordnung, die durch die Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes von 2002 geschah. Im Rahmen der Kommunikationshilfenverordnung wurde ein neuer Begriff des so genannten „Schriftdolmetschers“ als Leistung für lautsprachlich orientierte Hörgeschädigte eingeführt. Seitdem besteht eine Rechtsgrundlage, dass Schwerhörige bei der Teilnahme von Veranstaltungen von Bundesbehörden einen Schriftdolmetscher in Anspruch nehmen können. In seiner früheren Regentschaft wurden also zwei neue Hilfen im Deutschen Reha-System etabliert, die für die schwerhörigen Menschen von Belang sind:

–> Arbeitsassistenz
–> Schriftdolmetscher

Beides sind neue Instrumente im Deutschen Reha-System, die bisher in ihrer Breite zu wenig genutzt werden, und sie sind weniger dem Präsidenten selbst als vielmehr der gegenwärtigen Vizepräsidentin, Renate Welter, zuzuschreiben. Dennoch vermittelt der ewige Regent den Eindruck, als hätte er den Paradigmenwechsel mit vollen Elan mitgetragen. Schaut man die Bilanz seiner Regentschaft genauer an, sieht das Ergebnis verhaltener aus. Eine Vorbildfunktion für die Schwerhörigen hat er kaum ausgeübt. Die Bundesgeschäftsstelle hat mehrfach Krisen durchziehen müssen, ständig gab es Personalwechsel, drei Geschäftsführer hat er schon auf dem Gewissen, eine Personalkontinuität ist nicht zu erkennen. Die 2003 gegründete Tochter des DSB die „Audiovision“ kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus, ständig patzen Projekte. Die Zeitung DSBreport konnte nicht mehr eigenständig im Deutschen Schwerhörigenbund verbleiben, stattdessen musste eine Kooperation mit dem Verlag der Akustiker eingegangen werden. Ortsvereine traten aus dem Bundesverband aus, obendrauf auch noch die Bundesjugend. Bei der Bundesversammlung in Dresden 2011 wurde er beim ersten Wahlgang nicht entlastet. Wie kann man unter diesen Umständen noch Freude am Amt haben?

Was begründet den Ehrgeiz des Herrn Seidler, weiterhin auf dem Thron des Deutschen Schwerhörigenbundes zu verbleiben. Das ist ohne eine so genannte Seidler-AG nicht zu erklären. Auf seiner privaten Homepage stellt sich der Präsident als leitender Arzt des TTHZ Tinnitustherapie und Hörzentrum in Neunkirchen vor. Es erweckt den Eindruck, dass es sich hier in der Sache um nicht Spektakuläres handeln könnte. Dennoch sollte man wissen, dass dieses Zentrum von seiner Frau Seidler-Fallböhmer geleitet wird, die wiederum Präsidentin des Landesverbandes Saarland vom Deutschen Schwerhörigenbund ist. Herr Seidler hat auch eine HNO-Praxis. Im TTHZ werden Schwerhörige mit Hörgeräten angepasst, somit können die von seiner Praxis diagnostizierten schwerhörigen Patienten leicht weiter vermittelt werden. Clever ist, es bleibt alles unter einem Dach. Er ist auch Mitglied bei der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung im Saarland. Darüber hinaus auch noch Chefarzt in der Bosenbergklinik, einer Fachklinik für Tinnitus-Betroffene, CI-Träger und Schwerhörige. Wer diese Bausteine zusammenlegt, wird erkennen müssen, dass er ein Geschäftsmann par execellence ist, der sein Metier bestens versteht. Das Amt als Präsident des Deutschen Schwerhörigenbundes kann ihm nur weitere Türen in seinem Sinne eröffnen. Die Seidler-AG hat alle denkbaren Geschäftsfelder, was die Versorgung von schwerhörigen und ertaubten Menschen in Deutschland von Tinnitus-Betroffenen, Hörgeräteträger bis hin zu CI-Betroffenen betrifft, abgedeckt. Er verknüpft sein Amt durchaus mit wirtschaftlichen Interessen und kann seinen Markt bedienen.

Kürzlich hat die Gesellschaft für Gesundheitsökonomie & -managment aus Hamburg in Berlin eine Tagung zum Thema „Hilfsmittelversorgung in der GKV – Wie sinnvoll ist der Festbetrag noch?“ ausgerichtet. Nebenbei bemerkt, für diese Veranstaltung wurde ein Eintritt in Höhe von 990,00 Euro plus Mehrwertsteuer abverlangt. Welches Vereinsmitglied vom Deutschen Schwerhörigenbund würde diesen Betrag aufbringen können? Hier kann er als Präsident auf beste Kontakte im Sinne seiner Seidler-AG setzen. Die wichtigste Messe für Hörgeräte-Akustik in Deutschland ist der EUHA Kongress, der jährlich im Oktober/November in Nürnberg stattfindet. Hier ist der Präsident in der Regel präsent und kann auf beste Kontakte zur Bundesinnung für Hörgeräteakustik hoffen. Ganz im Sinne des Konglomerats. So erklärt sich auch, weshalb er sich sozialpolitisch für die schwerhörigen Menschen wenig engagiert. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Deutsche Schwerhörigenbund mit seinem Präsidenten in dieser Hinsicht verschont bleibt, eine Vermischung kann dem Verband auf Dauer nicht gut tun, sonst werden die Delegierten bei der Bundesversammlung ihm eines Tages sagen müssen: Dilletanti Avanti – sollte dieser Satz aber jemals fallen, wird es dann zu spät sein.

PUBLIUS